Ostseerundfahrt 2019

Doris Zimmer

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Ostseerundfahrt 2019

Doris Zimmer

© Doris Zimmer

Krokholm 13

24860 Böklund

Freiberufliche Biologin

Vegetationskunde/Flechten

Ostseerundfahrt Rad 2019 Kurzbericht

Die Idee

Entstand vor zwei Jahren auf einer Fahrt nach Skagen an die Nordspitze Dänemarks auf einem

Übernachtungsplatz. Mein Rad und ich trafen am Lagerfeuer auf viel Phantasie und es hagelte Vorschläge wie China, Mongolei, Afrika usw.. Um das Gespräch in andere Bahnen zu lenken, hörte ich mich zu meinem Erstaunen plötzlich selbst sagen: Also, momentan habe ich dazu leider zu wenig Zeit, aber in zwei Jahren kann ich wieder länger los und es geht um die Ostsee! Dieser spontanen Ankündigung ging allerdings nicht mal ein Blick auf die Karte voraus. Ein Bericht im Internet sprach dann von etwa 8000 km....

Planung

Endlich kam ich im Frühjahr 2019 zur Reiseplanung. Passbilder und neuer Reisepass mussten erstellt werden, als Ersatzteile für das Fahrrad sollten mit: Kettenblätter, Ersatzkette, Schläuche, neue Bremsen, ein Schaltzug, ansonsten das grundlegende Werkzeug plus Kettenöl,

Ersatzschrauben und Kabelbinder. Kurz vor der Fahrt wurden dann aber ausgewechselt und waren somit neu: Mäntel, Ritzel, Kettenblätter, Kette, ebenfalls Bremsen, der rechte Schaltzug (reisst erfahrungsgemäß etwa alle 11000 km und dieser hatte schon 8000 km).

Die Euroveloroute 10 wurde auf das Navi geladen und der vorhandene Kartensatz rausgesucht, es fehlten Südfinnland sowie Polen, die kaufte ich später vor Ort. Den südlichen Teil von Schweden beschloss ich wegzulassen und stattdessen ab Göteborg nordöstlich hoch zur Ostseeküste zu fahren, einerseits um ein paar Tage im schwedischen Mittelgebirge zu haben und andererseits, weil ich gerne erst nördlich vom Großraum Stockholm einsteigen wollte. In Stockholm war ich schon mehrfach gewesen und diesmal reizte es mich nicht. Eine genaue Strecke wurde aber nicht festgelegt, ich wollte mich grob an den Eurovelo-Verlauf oder die Parallelstraßen dazu um die Ostsee halten. Das Visum für Russland dauerte 10 Tage über die Internetbestellung und kam kurz vor Start an, weil das mögliche Startdatum lange unklar blieb.

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Und dann ging es am 31.5. auf die Fähre Frederikshavn – Göteborg! Mittags angekommen, klares sonniges Wetter in Göteborg, ein Kollege wollte nach Oslo weiter, und ich fuhr los auf den Sverigeleden. Radwandern!

    

Schweden nach Norden, die erste Hälfte Inlandstrecke

Der Sverigeleden, eine der schwedischen Radrouten, war durchgehend gut beschildert und mit Rückenwind fuhr es sich zügig. Die Strecke führte zwischen dem Vänersee und dem Vättersee durch und ging auf Örebro zu, danach durch das schwedische Mittelgebirge und schliesslich in Richtung Söderhamn an die Küste hinunter. Dort bin ich nach Norden auf die Eurovelostrecke 10 eingestiegen und deren küstennahem Verlauf weiter gefolgt. Die Route war dort abschnittsweise durch verschiedene lokale Küstenstrecken beschildert, aber ebenfalls gut zu finden

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Zwischen den beiden großen Seen war die Landschaft kleinteilig und sehr interessant, immer wieder alte Grabhügel, wilde Flüsse, zeitweise ein weiter Ausblick auf Seen, oft blütenreiche Wiesen und Wegränder an der Strecke, nur teilweise war es hier intensiver landwirtschaftlich geprägt. Streckenweise gab es wenig Einkaufsmöglichkeiten, es wurde

schnell klar, dass in den kleinen Orten viele der früheren Läden geschlossen waren. Auf den Gebirgsstrecken nördlich der Seen waren die Wälder dann ausgedehnter und stundenlange einsame Fahrten möglich, geprägt durch längere Anstiege und Abfahrten. Da zeitweise kaum Autos fuhren, fiel die unglaubliche Stille dieser Landschaft auf. Das einzige lautere Geräusch waren der eigene Fahrtwind und gelegentlich Vogelrufe von Kranichen in den umgebenden Mooren, jagenden Bussarden, oder von Spechten, die ich manchmal sogar vom Straßenrand aufscheuchte. Das Wetter war noch kühl, aber meist trocken, mit Ausnahme eines Landregentages. Die Nächte im Zelt waren ebenfalls noch eher kühl, aber nach den oft schönen tiefroten Sonnenuntergängen schlief es sich bei rufenden Kranichen in nahegelegenen Mooren doch sehr gut. An einem Standort jedoch hatte ich das Zelt neben einem Auerhahnbalzplatz aufgestellt, hatte den Kot zwar gesehen, aber der war ja verbreitet in den Wäldern zu finden. Die kämpfenden Männchen tobten lautstark um mein Zelt

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bis etwa 1 Uhr nachts, als etwas Dämmerung fiel. Ich freute mich und schlief endlich ein. Die Vögel waren aber schnell ausgeruht und das ganze Spektakel ging genauso lärmend und über den Platz tobend ab 3 Uhr morgens wieder los, als die Sonne schon wieder stieg. An Schlaf war nicht mehr zu denken!  

Mit der Abfahrt an die Küste wurde die Landschaft besiedelter. Da ich knapp an Wasser war, hielt ich hier an einem Privathaus bei einem älteren Herrn bei der Gartenarbeit. Resolut wurden die Flaschen ausgespült, neu aufgefüllt und bei einer Tasse Kaffee erhielt ich Hinweise auf die unangenehmeren Schotterabschnitte der Radroute. Einen Proviantbeutel mit Obst gab es obendrein.  

Schweden nach Norden, die zweite Hälfte auf der Küstenroute

Nördlich von Söderhamn bin ich dann die Küste auf der Euroveloroute 10 weitergefahren, im

Wechsel aber auch auf der E4, da die Eurovelo oft starke Schlingen macht. An der Küste folgte der Radweg dem kleinräumigen Auf und Ab des früheren Strassenverlaufs. Zeitweise war der Belag deutlich erneuerungsbedürftig und hatte viele Schlaglöcher im ansonsten festgefahrenen Schotter oder im Asphalt. Abschnittsweise waren die Strecken dann wieder sehr gut fahrbar. Entlang der E4 war andererseits kaum ein Randstreifen vorhanden und man musste immer mit eng passierenden LKW oder Wohnmobilen rechnen und die Druckwellen ausgleichen.

Landschaftlich ausserordentlich schön waren die flechtenbewachsenen Strandwälle, die in Terrassen hin zur Ostsee abfielen. An einem einsamen Abschnitt wurde ich von zwei Hornissen am Kopfbereich umflogen, also war ich zu nahe an einem Bau und hatte die Wächter aufgescheucht. Ich radelte aber gleichmäßig weiter und sie ließen nach zwei Umrundungen ab. Hätten sie mich für gefährlich eingestuft, hätte ich nach zwei Stichen in den Nacken wahrscheinlich Hilfe holen müssen, auch wären weitere Hornissen aus dem Bau dazugekommen.

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Am schwedischen Nationalfeiertag kam ich an einer Flußmündung an einem der Musikfeste vorbei und gesellte mich spontan dazu, da ich den traditionellen Liedern nicht widerstehen konnte. Ich wurde herzlich mit zum Buffet eingeladen und von der Musikkapelle sogar noch gesondert über das Mikro als cyklisten: Die Radfahrerin, die dazu gekommen ist, begrüßt.

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Kurz vor Sundsvall traf ich auf eine einzelne Radlerin, mit der ich dann diesen Tag zusammen fuhr und es genoss, mal wieder längere Gespräche zu führen und zu lachen. Zusammen haben wir eine sehr gut erhaltene Eisenverhüttungsanlage besichtigt und trafen dort zusätzlich auf einen lokalen Biologen, der ein Vegetationsdauerquadrat für Saxifraga osloensis aufnahm, also ähnlich meiner Arbeit sozusagen. Die Gespräche über die Ausbreitung von Störarten wie der Lupine und den auch in Schweden auffällig zunehmenden Nitrophyten waren sehr aufschlussreich. Leider besteht kaum Hoffnung, die Entwicklung umzukehren. Anschliessend fuhren wir nach Sundsvall, trafen vorher mit Samuel auf einen weiteren Radler und liessen den Tag zu dritt im Cafe ausklingen. Weiterfahren war nicht angesagt und ich blieb mit der Radlerin im Vandrarhjem für diese Nacht. Am folgenden Morgen ging es getrennt wieder auf Tour, aber der Kontakt bleibt bestehen.  

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Am Nationalpark Höga Kusten gab es Mittagsrast und eine Besichtigung der interessanten Ausstellung im Naturum, hier war ich auch früher schon wandern. Dann nach Norden weiter gefolgt durch Örnsköldsvik an der

Fjällrävenzentrale vorbei, leider war So und somit geschlossen, in den Folgetagen kam ich durch Umeå, Piteå und Luleå. Die Menge an studentischen und anderen Radfahrern, die mir in Umeå über die

Radbrücke entgegenkamen, hat mich stark beeindruckt. Die ganze Stadt ist durch Radler geprägt und überall sind Hinweisschilder für die Durchfahrtrouten. An diese Verhältnisse müssten wir dringend auch in Deutschland aufschliessen!

Kurz vor Lappland schlug plötzlich das Wetter um und statt dem täglich wärmer werdenden Klima mit Rückenwind hatte ich nun einen Temperatursturz von vorher über 16 Grad auf fast Null Grad tagsüber, dazu stürmischen Gegenwind aus der Polarregion, in den ich fast zwei Tage frontal hineinfahren musste. Keine Winterhandschuhe mit und die

Sturmböen durchdrangen die gesamte Kleidung. Ein entgegenkommender Radler sagte unter diesen Bedingungen seine geplante Norwegenfahrt ab und berichtete von Neuschnee nicht weit entfernt. Zum Glück beruhigte sich das Wetter in den Folgetagen wieder. In einer Nacht warnten die Vögel und es stellte sich heraus, dass ein Elch um das Zelt herumstrich.

In Töre in Lappland vermutete ich zwar das nördlichste Ende der Ostsee, das Photo von einem beeindruckenden Strand am nördlichen Ende des ersten Abschnittes stammte aber von kurz vor Haparanda, die Ostsee war hier sehr flach, ausgesüsst und mit Wasserpflanzen besiedelt, und tatsächlich war auch ein Spülsaum vorhanden! Ein toller Anblick.

Nach zwei Wochen Fahrt radelte ich am 14.6. bei sonnigem Wetter und Rückenwind über die finnische Grenze, gönnte mir am gleichen Abend die erste finnische Sauna und stand vor dem ersten großen Richtungswechsel meiner Fahrt.

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Finnland nach Süden von Tornio an der Grenze bis Turku

Am 16.6. mit einem Tag Pause und einer Kurztour in Lappland fuhr ich weiter, jetzt Richtung Süden! Es fiel schwer, nach so kurzer Zeit mit Mitternachtssonne und der lappländischen Natur schon wieder Abschied

zu nehmen. Anfangs waren in Finnland noch Radwegbeschriftungen vorhanden sowie ein gut ausgebauter Radweg. Später in Mittelfinnland fielen die Beschilderungen weg und man folgte Straßenstrecken auf der küstennahen Radroute über das Navi bzw. auf der stärker befahrenen E8 parallel dazu. Ich wechselte zwischen beiden Alternativen. Begeisternd waren gleich zu Beginn zwischen Tornio und Oulu die reichen Vorkommen von Trollblumen an den Straßenrändern, eine lange nicht mehr so reichlich beobachtete und bei uns selten gewordene Pflanzenart.

Es folgte Oulu. Hier kaufte ich mir neue Fahrradhandschuhe, weil ich nach einer Mittagsrast an einem Fluss von extrem schnell zustechenden Mückenhorden überfallen wurde, so dass ich mit dem Rad fast fluchtartig das Gelände verließ. Leider lag einer der Handschuhe zu schwach befestigt unter dem Spanngurt und war dann verloren. In Oulu liess ich mir auch eine zusätzliche Speicherkarte ins Smartphone einbauen, um endlich mehr Bilder speichern zu können.  

Im westlich gelegenen Vaasa an der finnischen Ostseeküste blieb ich einen zusätzlichen Tag in der

Hoffnung auf ein Mittsommerfest mit guter Musik für alle und teilte diese Erwartung mit mehreren Motorradfahrern, die sich auch auf dem Campingplatz dafür einquartiert hatten. Wir erkundigten uns aber vergeblich und wurden Zeugen, dass die trinkfesten Finnen in ihren Familienfeiern auch nach zwei Tagen noch problemlos aufrecht standen. Den Abend verbrachten wir dann zusammen (mit etwas weniger Alkohol!). Da sämtliche Läden und auch die allermeisten Lokale und Hotels für das Wochenende geschlossen hatten, hatten mehrere spät ankommende Radler keine Gelegenheit mehr, sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Am nächsten Tag begegnete ich zudem früh einem weiteren Radler, der ohne Zelt die ganze Nacht hatte durchfahren müssen, weil keine Unterkunft mehr offen war. Mittsommer ist Ausnahmezustand! Finland is closed!                                                                                                                                                     

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Im folgenden Abschnitt wurde es ländlicher und ich fuhr durch mehrere Städte mit sehr schön erhaltener Altstadt (bezeichnet vanha) und ihren charakteristischen Holzhäusern, und kam dann in die südlichen Schärengebiete, deren schöne und durch die geschützte Lage windstillere Küsten allerdings mittlerweile oft dicht bebaut sind. Auf der Strecke begegnete ich zwei jüngeren Franzosen, die für drei Jahre mit dem Rad unterwegs waren. Wir unterhielten uns beim Fahren über unsere Touren und ich sollte sie tatsächlich später in Russland überraschend wiedertreffen, wo sie genauso fröhlich und gut gelaunt unterwegs waren wie hier.

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In Turku war ich schon mehrfach gewesen und kannte auch den vorgelagerten Campingplatz auf Ruissalo. In einem zusätzlichen Tag konnte ich die Wäsche durchwaschen und das Rad, das jetzt auf dreitausend Kilometer zulief, einmal durchchecken. Ein Kettenwechsel war dran. Als ich vormittags in die Stadt aufbrach, traf ich überraschend auf zwei schon bekannte Radler, mit denen ich in Schweden nördlich von Sundsvall schon gesprochen hatte, sie waren über die Fähre Umeå-Vaasa gekommen. Die Sturmfront, durch die ich mittlerweile gefahren war, hatte sie nicht so stark betroffen. Wir genossen einen Teil der Stadtbesichtigung zusammen, dann wurde verabschiedet, denn die beiden wollten am nächsten Tag früh auf die Fähre nach Stockholm.

Von Turku nach Osten Richtung russische Grenze

Am 27.6. war dann Start in den nächsten Richtungswechsel, nach Osten Richtung Russland. Es war schon länger klar, dass ich jetzt viel zu früh dran war, denn das Visum für die Einreise war erst ab dem 10.7.gültig und dann für vier Wochen. Der die Nacht durchgefahrene Radler vor Vaasa hatte mir schon vorgeschlagen, die Wartezeit doch in Tallinn zu verbringen, was bei mir erstmal ein Fragezeichen auslöste, waren wir doch gerade eher in Finnland. Aber nach längerer Radelei gehen die Ländergrenzen vermutlich schon mal in der Wahrnehmung durcheinander. Also Richtung Ekenäs hinunter an die finnische Südküste, eine schnelle Fahrt mit reichlich Rückenwind und sonnigem, aber nicht zu heissem Wetter. Ich hatte jetzt schon oft die finnischen Gurken gekauft und da der Süden landwirtschaftlicher geprägt ist, kam ich nun tatsächlich auch an den ausgedehnten Gurkenfeldern dort vorbei. Ekenäs lag mit gut erhaltenen alten Holzhäusern an einer schönen Küste. Ich traf eine russische Radlergruppe und merkte, dass hier mit Englisch nichts mehr zu machen war. Ein Vorgeschmack. Dann ging es einen Tag später nach Helsinki weiter.     Bild17      

Von der Euroveloroute und dem Auf und Ab auf Feinschotter, die hier auf dem küstennahen Freizeitweg nach Helsinki hinein verläuft, bin ich schnell abgebogen und nach einer Nachfrage bei einem einheimischen Radler auf die

Schnellwegtrassen verwiesen worden, die entlang der Autobahn und dann auf einer umgebauten S-Bahntrasse verlaufen. Netterweise hatte dieser kurz Zeit und brachte mich an den Startpunkt dieser Trassen im Westen. So hatte ich gleich Gelegenheit, die heimische Fahrtechnik kennenzulernen, also hohe Geschwindigkeiten in der Stadt bei querbeet Fahrspurwechseln und Bordstein rauf- und runterjagen mit Vollgepäck, dazu sich Vorfahrt erarbeiten durch Ausbremsen von Autofahrern. Egal, hinterher! Erstaunlicherweise hat niemand wütend gehupt.

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Aber auf den Radschnellwegen fuhr es sich super und flott von einem Ende der Stadt ins andere auf den Campingplatz Rastila im Osten. Zwei Tage Helsinki und fasziniert von einer Stadt, die auf anstehenden Felsen gebaut ist. Durch ein Rockfestival war es überall sehr voll und alles auf den Beinen, eine super Stimmung.

Am 30.6. fuhr ich nach Porvoo zu einer Stadtbesichtigung der Altstadt und der Natur im Umland. Sehr viel Bustourismus war hier zu beobachten, auch viele Asiaten, Porvoo ist sehr bekannt. Dies war der erste richtig heisse Tag, d.h. es gab Sonnenbrand und ich merkte auch, dass ich bisher wohl zu wenig Fette in der Ernährung hatte, die Lippen waren aufgerissen, die Fingernägelränder auch. Jetzt war ich vier Wochen unterwegs. Also die Ernährung doch nochmal überdenken!

Der Skilift in Porvoo war für Mountainbiker umgenutzt, die liessen sich hochziehen und rasten dann die Steilhänge hinunter, ich schaute fasziniert zu. Ich brauchte jetzt nicht an die russische Grenze weiterzufahren, es war viel zu früh dafür, also wurde umgedacht und Richtung Norden nach Kouvola gezogen, noch ohne weiteren Plan. Dort traf ich in der Sauna eine Russin, die mit einem Schweden verheiratet war, beide lebten aber in Finnland. Wir unterhielten uns angeregt und ich war schnell zu Kaffee und Räucherlachs eingeladen. Und bekam dann jede Menge wertvolle Tipps für Russland, sowie die Bemerkung:

Russia is different, you know! But.......(ich wurde von oben bis unten gemustert)......YOU..... will probably like it! Sehr viel später verstand ich diesen Satz erst richtig.

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In Kouvola füllte ich meine Vorräte auf, von Brennspiritus bis Kaffee und Zucker fehlte jetzt fast alles. Abends schaltete ich mein Smartphone an und spontan löschte sich die SD-Karte, ich konnte nur noch zuschauen, wie sich der Speicher vor meinen Augen leerte. Ein grosser Schreck und ich ahnte schon, dass das nicht mehr wiederzuholen sein würde. Also am nächsten Tag in einen Handyladen, aber dort wurde die Vorahnung leider bestätigt. Erst später hörte ich, dass an diesem Abend ein großräumiges Problem in Nordamerika und Europa mit einer Schadsoftware aufgetreten war. Aber vielleicht war auch einfach das Gerät zu alt. Und dafür hatte ich jetzt extra den Speicherplatz erweitert.

Karelien

Da ich noch Zeit hatte, fuhr ich ein paar Tage zusätzlich nach Karelien hoch ins Saimaa-Seengebiet. Mir war sowieso nahegelegt worden, ich könne nicht Finnland verlassen, ohne diese tolle Gegend

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gesehen zu haben. Und die Finnen hatten Recht, das ist einzigartige Natur! Ein riesiger zusammen- hängender See, der viertgrößte in Europa, aufgespalten in unzählige kleine Seeflächen mit Inseln, Buchten, Stränden, dazwischen Wandergebieten und ausgedehnten Wäldern. Nur die endemische Saimaa-Robbe kriegte ich nicht zu sehen und musste im Museum über sie lesen.  

Nach Russland!  

Am 9.7. war ich in Lappeenranta in Südfinnland vor Ort, morgen sollte es nach Russland gehen!  Am 10.7 wachte ich tatsächlich etwas nervös auf, es waren aber nur noch 35 km bis zur Grenze Nuijamaa.

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Ich hatte eine vage Angabe, dass kurz vor der Grenze eine Wechselstube in einer Seitenstrasse sein sollte, ich hatte noch keine Rubel! Also los. Vor der Grenze lagen grosse Einkaufszentren für die Russen, und die Wechselstube fand ich auch, sie lag rechts der Zufahrt ohne gesondertes Hinweisschild, man musste es eben einfach wissen. Kein Fenster im Container, kein Wort Englisch mehr. Schon jetzt. Dann kamen drei Passkontrollen, die für mich als Radfahrerin problemlos verliefen und ich war schon nach ca. 40 Minuten durch, die Autofahrer warteten Stunden. Aber die Russen waren sehr freundlich und bedeuteten mir mit Handzeichen, ganz nach vorne durchzugehen und in welches Gebäude ich zu gehen hätte.

Ich machte ein Grenzbild, dann fuhr ich los entlang eines angestauten Flusslaufes, des Saimaa-Kanals, der danach mehrfach von Brücken gequert wurde. Die umgebenden Wälder waren artenreich, hoch und undurchdringlich, hier fand keine Forstwirtschaft statt. Urwald! Die Strasse war eng, die wenigen Autofahrer fuhren dicht an mir vorbei. Seit der Grenze war meine Navigation verschwunden, ich hatte keine

Karteninformationen mehr auf dem Navi, obwohl ich das zu Hause noch überprüft hatte. Ich sah nur noch weisse Flächen und den Ostseerand. Ich war etwas irritiert und fuhr nach Straßenbeschilderung in Richtung Viborg, es gab nur eine Strasse. Zum Glück hatte ich als backup eine Karte mit und informierte mich da grob.

An den Brücken gab es weitere Kontrollposten, an denen ich mehrfach beobachten konnte, wie Autos gestoppt und kontrolliert wurden. Ich wurde problemlos durchgewunken, hatte aber ebenfalls jedesmal auf das Signal dazu gewartet. Die Gesichter der Menschen waren durchgehend starr und unbewegt, das war hier jeder gewohnt. Ich erreichte Viborg, das auf meinem Navi nicht mehr als Stadt angezeigt war, traf hier jedoch auf die im Navi lila markierte Radroute der E10 um die Ostsee, die ich als einzige Information jetzt noch sehen konnte. Im Blindflug durch Russland!

In Viborg machte ich Rast und meinen ersten russischen Einkauf, ein paar Sesam- und

Sonnenblumenriegel in Honig, sehr lecker. An einer Tankstelle wollte ich Wasser auffüllen, fand aber keine Toilette und fragte innen nach. Die Russin nahm wortlos meine beiden Trinkflaschen und ich sah, wie sie im Hinterzimmer die Flaschen aus ihrer persönlich gekauften 6 l- Wasserflasche für mich auffüllte. Hier gab es also nirgendwo Trinkwasser! Ich bedankte mich sehr herzlich, wie nett trotzdem!

Als mein Mann dann auf einer abgelegenen Waldstrecke einen Probeanruf auf meinem Handy machte, war das vorher verdreifachte Aufladekontingent sofort aufgebraucht. Um noch eine

Kurznachricht darüber zu senden, machte ich das Smartphone an, auf dem auch vorher das Datenvolumen erhöht worden war, nur, es war ebenfalls weg! Vernichtet? Geklaut? Beide Geräte gesperrt. Ich realisierte, dass ich jetzt wohl komplett abgeschnitten war von der gewohnten Kommunikation, keine Anrufe oder Nachrichten mehr möglich, dazu die Navigation verloren, alle Verkehrsschilder auf kyrillisch, englisch redete hier sowieso kaum noch jemand und wenn, dann sehr gebrochen. Jetzt musste ich für einen Moment doch ganz schön schlucken. Weiterfahren ins Nichts? Oder zurück nach Finnland, alles regeln? Zehn Minuten durchatmen.

Dann fuhr ich weiter, eigentlich war es früher ja auch nie anders, nur ist man das heute nicht mehr gewöhnt. Ich konnte spätestens in St.Petersburg versuchen, eine Lösung zu finden. Mit der Entscheidung konnte ich ruhiger weiterfahren und fing wieder an, die Fahrt zu genießen.

Ausgedehnte Kiefernwälder, offener Sandboden, zeitweise etwas viel Müll im Wald und an einem Rastplatz ein ausgeschlachtetes Auto, aber ich wurde sogar zweimal von Russen am Straßenrand gegrüsst. Lächeln sah man die Menschen jedoch nicht, die Mienen blieben unbewegt. Ich sah häufig Russen an Bushaltestellen stehen, die Gesichter in Richtung des zu erwartenden Busses gewandt. Zufahrtsstraßen zu Dörfern waren unbefestigt.

Ich hielt südlich von Jernilowo im Wald zum übernachten. Das Zelt schlug ich auf einer erhöhten Sandbank auf, zur Ostsee hin war ein Schilfsaum, kein Badestrand, Feuerstellen oder ähnliches und auch keine Fahrspuren auf dem Boden. Allerdings lag in ca. 50 m Abstand ein kurzer Strand, aber mit gesonderter Zufahrt für Autos, bei mir selbst waren davon keine Spuren zu finden. Ich kochte Abendessen und machte es mir gemütlich. Gegen Mitternacht, ich war so gut wie eingeschlafen, plötzlich ein Schuß. Sehr nah, sehr laut, ich war sofort am ganzen Körper hoch angespannt und lag auf Zehen- und

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Fingerspitzen im Zelt. Der Gewehrschuß ging nicht in meine Richtung, soviel konnte ich noch rekonstruieren, vermutlich nach Westen. Dann der zweite Schuss, den lokalisierte ich schon, auch nach Westen, also auf die Ostsee raus, es wurde klar, das war drüben an der Badestelle, sehr nah. Ich öffnete leise das Zelt, schlich hinter den Weidenbüschen hinüber zur Schußstelle und beobachtete zwei Wilderer, bei der Entenjagd. Einigermaßen beruhigt sah ich, sie waren nicht offensichtlich betrunken, und es wurde auch nicht sinnlos weiter geschossen, also waren keine Querschläger zu erwarten. Sie saßen an. Ich schlich wieder ins Zelt zurück. Offenbar waren die Enten aber jetzt verjagt und die Männer stiegen bald ins Auto und fuhren weg. Später in der Nacht hörte ich die Schüsse einige Kilometer entfernt wieder.

Dass gegen drei Uhr nachts dann wieder Lärm auftrat und auch mein Zelt im Scheinwerfer eines Quads kurz hell erleuchtet war, nahm ich nun schon als normal für eine russische Nacht hin. Ich schaute aus dem Zelt, ein Pärchen im Quad, langer, nach oben ragender Auspuff, enorm große Reifen, selbstgebauter Wagen. Sie drehten aber um und liessen mich in Ruhe. Endlich schlafen! Ihre mit der Axt gefällten Birken für ein Feuer fand ich am nächsten Morgen. Russia is different!

Am Morgen fühlte ich mich unausgeschlafen, der erste Tag in Russland war doch anstrengend gewesen. Weiter kein Kontakt zu irgendjemandem, von der

Nacht konnte ich auch nicht erzählen. Den passenden Witz dazu bekam ich im späteren Verlauf der Reise noch zugeschickt und musste darüber herzlich lachen.

Schnuppi hilft in jeder Lebenslage.

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Ich fuhr in Richtung St.Petersburg auf der Hauptstrecke weiter, Strassenschilder gab es wie üblich kaum, an den Häusern fielen die Selbstversorgergärten ins Auge. Immer wieder waren Häuser auch sehr liebevoll gestaltet. Kyrillisch lesen konnte ich nun schon ziemlich gut, das hatte sich schnell geübt. Die Strecke nach St. Petersburg genoss ich sehr, ich hatte aufgegeben, mich über irgendetwas noch gross Gedanken zu machen. Navigation hatte ich nicht ausser dem Kartenmaterial, aber da waren die kleinen Dörfer nicht verzeichnet. Läden zu erkennen hatte ich mittlerweile gelernt, auf den meist fensterlosen unscheinbaren Gebäuden stand oft nur ein kyrillischer Hinweis: frukti, manchmal auch nichts. Schaufenster gab es keine, aber drinnen war dann ein kleiner Tante-Emma-Laden zu finden mit allem, was wichtig ist.

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Das Smartphone fiel zur Unterkunftssuche aus. Ich hatte einen Hoteltipp an der Primorskaja Chaussee von meinen finnischen Freunden und vermutete, da ich aus Richtung Primorsk komme, träfe ich sicher automatisch auf diese Hauptstrecke. Und richtig! Das Hotel 10 km vor St.Petersburg in Olgino war jedoch ausgebucht und die nähere Umgebung auch, aber eine

Sonderlösung war eine Campinghütte auf dem Hinterhof des Geländes, nachdem mir mitgeteilt wurde, dass das Hotel sonst nur Leute zu Fuss hätte. Meine Hütte war abenteuerlich mit offener Ritze an der Tür, feuchtkalt, Spitzdach, schon lange nicht mehr bewohnt. Aber das ganze Duschgebäude nur für mich! Mit Bodenheizung, die die Russen extra für mich anmachten. Meine kleine Hütte habe ich an diesem Abend erstmal mit dem Campingkocher trocken geheizt. Der zweite Tag in Russland. Die Laune war wieder hergestellt, aber noch konnte ich niemandem Bescheid geben, dieses Hotel hatte kein WiFi.

Ich schlief trotzdem richtig gut, die Rezeptionistin wunderte sich vermutlich sehr über die deutsche Radlerin, das Wetter war schön, also auf nach St.Petersburg! Als ich nach einem Stadtplan fragte, gab mir die Rezeptionistin einen Plan der Metro. Ich guckte wohl ein bisschen dumm, sie überlegte eine Minute und sagte dann:

Du brauchst keinen Plan von der Metro. Nein, ich brauche keinen Plan von der Metro. Du fährst mit dem Fahrrad in die Stadt. Ja, ich fahre mit dem Fahrrad in die Stadt. Dann brauchst du das nicht. Und nahm ihn wieder zu sich. Also keine Unterlagen.

Unterwegs konnte ich mich wieder an einen Radler anhängen und die hiesige Fahrweise kennenlernen, die noch unkonventioneller war als die in Helsinki. Der Radler war zunächst hinter mir, aber ich fuhr eindeutig zu zahm, und dann noch an jeder roten Ampel angehalten! Warum er sich dann nur vor mich setzte, weiss ich nicht, aber ich lernte, rechts an langen Staus vorbeizufahren, mich über von Autos blockierte Straßenkreuzungen durchzuschlängeln, egal, wer gerade rot hatte oder nicht, und in hoher Geschwindigkeit quer über mehrspurige Straßen zu kreuzen. Und dann hatte ich einen unvergesslichen Tag in der Stadt!

Da ich jetzt einmal online gehen konnte, konnte ich die Aufladesumme abrufen, die mein Mann mir zugeschickt hatte und mein kleines Handy aufladen. Was für eine Erleichterung! Dadurch konnte ich die erste sms rausschicken und Bescheid geben, dass es mir gut geht. Telefonieren war gestrichen, aber für den Notfall wieder eine Kontaktverbindung da. Die sms, bitte meinem Englisch-Club auch Bescheid zu geben, kam dann allerdings schon wieder nicht durch.

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Und ich war hoch fasziniert von der Stadt, mit dem Rad an der Neva entlangzufahren, die Museumsinsel, das Raumfahrtmuseum, das Museum über die Geschichte von St.Petersburg, wo ich zufällig sogar eine Chorprobe klassischer Musik geniessen durfte (ein Erlebnis!), die Peter- und Paulkathedrale, ohne Wartezeiten! Die goldenen Kuppeln in der Stadt. Eine Segelveranstaltung auf der Neva. Die Schlangen an der Eremitage waren mir dann aber zu lang, dafür ist es doch zu ungünstig, im Juli zu kommen. Auch im Innenhof an den Ticketautomaten lange Eintrittsschlangen. Also einfach touren, die Parkanlagen hatten Security und es war radfahren verboten, aber dadurch war es dort sehr ruhig und erholsam, Eindrücke sammeln, Gebäude, Verkehr, die Menschen. Und eingekauft, ein Supermarkt mit vielen speziellen russischen Produkten. Eine Russin hielt mir ungefragt ihre Rabattkarte hin und ich bekam netterweise Prozente. Am Abend traf ich noch auf eine Gruppe von etwa 25 Radlern, die auf einer Hauptstrasse alle zusammen als Gruppe fuhren und das über mehrere

Fahrspuren, am Freitagabend. Das kam mir bekannt vor. Leider war ich auf der anderen Straßenseite und konnte über die Mittelleitplanke nicht schnell genug wechseln, ich wäre gern mitgefahren. Also zurück zum Hotel, auf einer Hauptverkehrsachse, Staus rechts überholen hatte ich ja gelernt. Und dann setzte auch schon Sturzregen ein.

Am nächsten Morgen säuberte ich nach dem Sturzregen die Kette und musste neu ölen, als einer der angrenzend wohnenden Arbeiter, die jetzt zum zweitenmal morgens draussen Fußball spielten, dazukam, sich hinhockte und mir zusah. Er beobachtete und fing dann ein Gespräch an, was ich mit einigen russischen Brocken und Gesten versuchte mitzutragen. „Woher, Wer bist du,“ das ging noch, „die Kette nach dem Regen verdreckt,“ konnte ich über Gesten klarmachen, für die Informationen über meine Fahrt holte ich dann aber die Karte raus und zeigte die Strecke dort. Spannend, aber viel zu wenig Russischfähigkeiten meinerseits.

Über die Ostsee nach Kronstadt

An der Rezeption erhielt ich dann die Empfehlung, nicht durch St.Petersburg weiterzufahren auf die andere Seite der Ostsee, sondern die westliche Abkürzungsstrecke über das Meer über Kronstadt zu nehmen. Auf der Hinfahrt hatte ich dort zwar den Eindruck einer Autobahn gehabt, aber es wurde von mehreren Russen versichert, es wäre kein Problem mit dem Rad. Und ob ich denn auch eine kurze Zeit zu Fuss gehen könnte. Ja, ich kann eine kurze Zeit zu Fuss gehen, antwortete ich. Also 10 km zurück, und das zu Fuss gehen entpuppte sich als eine steile Treppe hoch und wieder hinunter, um auf die andere Seite der stark befahrenen Zufahrtsstrasse zu kommen. Alles mit Gepäck geschafft und dann rauf auf die Auffahrt. Ich glaubte noch an eine Lösung für die Radfahrer, aber das war nicht russisch gedacht.

Also Autobahn fahren auf die andere Seite der Ostsee, etwa 30 km! Die ersten Minuten waren noch gewöhnungsbedürftig, mein Randstreifen schmal, die Geschwindigkeit der Autos hoch. Dann hatte ich mich schnell daran gewöhnt, die Autofahrer schienen das für ganz normal zu halten, kein Hupen, keine Unsicherheitsreaktion. Und dann fand ich es klasse...., schnurgeradeaus, tolle Geschwindigkeit, guter Belag, Autobahn!!! Bis Kronstadt fuhr ich völlig entspannt, dann kam plötzlich ein Tunnel. Ich machte eine Vollbremsung und dachte an Kohlenmonoxid und ersticken, was jetzt? Ich wollte doch nicht die ganze Strecke zurückfahren. Da kam von der Seite schon ein Mann von der Security, winkte deutlich und holte mich von der Fahrbahn. Der Tunnel war verboten! Es hatte keiner etwas davon gesagt.

Der Mann schaute mich an, sagte so was wie: Podoschdite Minutku, und ging nach vorne zur

Auffahrt von der Stadt. Einen PKW ließ er fahren, den nächsten Wagen, einen weissen

Kleintransporter, hielt er an, sprach kurz mit dem Fahrer und der stieg aus, öffnete die Heckklappen und stieg hoch. Dann griff er mein Rad mit Gepäck (!) und mit einem problemlosen Schwung war das Rad zwischen seinen Kartons untergebracht und stand auch noch erstaunlich stabil. Klappen zu, er bedeutete mir einzusteigen und los. Ich wollte mich zunächst wie gewohnt noch anschnallen und das wurde von ihm vehement abgewunken. Nein, so was ist hier nicht nötig. Also den Gurt losgelassen und volle Geschwindigkeit in den Tunnel. Er brachte mich durch, hielt auf der anderen Seite, lud das Rad wieder aus und ich gab ihm die Hand! Spaciba! Problem gelöst auf russisch.

Dann ist er weitergefahren und ich konnte die restlichen 12 km nochmal Autobahnfahren genießen. Diesmal sogar mit Anhalten am Straßenrand für Fotos. Russian Cycling!

Am anderen Ende fuhr ich ohne weiteres Nachdenken mit den Autos die enge Abfahrt hinunter und dann ging es ans blind navigieren zu meinem vorgebuchten Hotel im Inland bei Gostilizy. Die Straßen waren weitgehend unbeschildert, daher schätzte ich nach Himmelsrichtung und Kilometerabständen meine Route und die Abzweiger grob ab. Klasse, dass auch diese Methode funktionierte! Nach dem gleichen Prinzip fuhr ich am nächsten Tag weiter zur Grenze nach Ivangorod. In beiden Städten hatte ich abends noch gut Zeit, entspannt herumzuradeln und das Leben zu beobachten. Das Fahrrad wurde über Nacht sicher eingeschlossen bzw. sogar von der Security bewacht.

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Estland, jetzt Richtung Westen!

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Nach einer schönen letzten Abendstimmung in

Ivangorod querte ich am 15.7. die Grenze nach

Estland, Narva. Wenn ich jetzt geglaubt hatte, meine Navigation wiederzukriegen, dann sah ich mich getäuscht, die Kartengrundlage blieb verschwunden. Meine erste wieder westliche Mahlzeit an einer

Tankstelle fiel an diesem Tag eher ungesund aus.

Was in Estland sofort ins Auge fiel, waren die unzähligen Störche, überall auf ihren Nestern oder auf Wiesen und an Straßenrändern zu sehen. Jetzt erst fiel mir auf, dass ich davon keinen einzigen in Russland beobachtet hatte. Auch von den kleineren Singvögeln hatte ich dort eher wenige gesehen.  

Ich war wohl gedanklich noch in Russland, als ich im

Übergang von einer Bundesstraße zusammen mit den

Autos auf die nahtlos anschließende Autobahn nach Kunda auffuhr. Ein Verbotsschild für Radfahrer war nicht vorausgegangen, ich genoss das schnelle Fahren und so kam ich erst bei der zweiten Abfahrt auf den Gedanken, dass ich jetzt wieder zurück in der EU war, das hier irgendwie nach Autobahn aussähe und wie ich das wohl handhaben müsste. Also bedauernd die Abfahrt genommen und mir eine Nebenstrecke parallel dazu gesucht. Diese querte dann bei der nächsten Abfahrt die Autobahn oben rüber und ich entdeckte den schon hinter einem Betonpfeiler versteckt wartenden Dienstwagen. Gerade noch rechtzeitig runtergefahren!

Ansonsten war es in Estland entspanntes Fahren, die Radwege sehr gut beschriftet, der Eurovelo 10 auch an der Küste gut zu folgen, eine schöne Landschaft, viele Störche und wieder verbreitet englisch! Am ersten Tag blieb ich auf einem noch nicht ganz fertigen Campingplatz kostenlos und allein zum übernachten (vielen Dank!), am zweiten Tag fuhr ich durch den nördlichen Nationalpark Lahemaa bis Leesi durch naturnahe Kiefernwälder und an kleinen Dörfern mit alten Holzhäusern vorbei.

Es folgten zwei Tage in Tallinn, eine vielfältige und an Kultur überaus reiche Stadt, aber jetzt in der Hauptsaison doch sehr überlaufen. Das Übernachten auf dem City-Campingplatz war gewöhnungsbedürftig, es ist eben doch in der Stadt meist auf die Wohnmobile ausgerichtet und es stand nur eine kleine Grünfläche zur Verfügung.

Estland hat im ganzen Land verteilt staatliche kostenlose Übernachtungsplätze für Wanderer und Radler eingerichtet, z.T. mit Zeltmöglichkeiten, Hütten, Brennholz, manchmal auch weiterer Infrastruktur. Auf diesen habe ich in den Folgetagen übernachtet, meist unter Kiefernwald und direkt an den Küsten. Über die kalkgründigen Inseln Hiumaa und Saaremaa mit ihren Wacholderheiden erreichte ich nach landschaftlich beeindruckender Fahrt dann wieder das Festland.

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Begegnungen in Estland waren eine allein reisende

Schweizerin, die ebenfalls nach Russland radelte, ein Australier auf der Ostseeinsel Hiumaa, der mich frontal ausbremste, weil er dringend mal wieder mit jemandem sprechen musste (kein Problem, ich rede gern), einige Deutsche für einen gemütlichen Lagerfeuerabend und eine estnische Biologin, mit der ich mich lange über Naturschutz und die auch in Estland überhand nehmende Forstwirtschaft austauschen konnte. Zudem informierte sie über die

freilaufenden Schakale, die sich neben Wölfen bereits etabliert hatten und vermutlich aus einem Zoo stammten. Die Bekämpfung funktionierte nicht.

Eine Nacht war geprägt von der Jagd auf Strandameisen, die recht groß und sehr bissig waren und nachts immer wieder neu im Zelt auftauchten. Ich dachte erst an ein Loch in meiner Zeltwand, aber sie kamen durch die winzige Öffnung zwischen den Reissverschlüssen, die sie vermutlich schon mit Duftstoffen markiert hatten. Jede Viertelstunde wurde ich gebissen und konnte neue Ameisen aus dem Zelt schmeissen, Papier hatte nicht gereicht zum dichtmachen.

Lettland

Am 24.7. ging es dann nach Lettland über die Grenze an der Küste. Auf die Besichtigung des nahen Radmuseums hatte ich mich schon länger gefreut. An diesem Abend schlug ich mit einem jüngeren deutschen Radler das Zelt wild auf, wir waren abends noch ein Stück zusammen gefahren. Er drehte ebenfalls die Tour um die Ostsee, fuhr aber konsequent täglich seine 120 km, um dann ausschließlich draussen zu übernachten. Es war interessant, in ein anderes Lebenskonzept hineinzuschauen, was überlassen wir der jungen Generation aber auch für eine Welt. Dafür erhielt ich gute Tipps zum containern. Wir trennten uns am nächsten Tag in Riga.

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Ich fuhr auf den City-Campingplatz dort für eineinhalb Tage Großstadt. Der Dom und das House of Blackheads mit den Kellergewölben haben mich schwer beeindruckt sowie die faszinierende Altstadt.

Allerdings fiel hier zum ersten Mal auf, dass mein Rad stärker in der Stadt gemustert wurde, so dass ich es mit in die Museen hineinnahm, und fragte, ob ich es in der Garderobe abstellen durfte. Das war nie ein Problem. Auf dem Campingplatz in Riga kam abends die Security zu uns Radlern und gab Bescheid, dass wir vorsichtig sein sollten und sie würden die Räder bei sich vorne gesondert bewachen, so dass wir abends unsere Räder dort auch anschlossen. Es war schon aufgefallen, dass unsere Ecke unter Beobachtung von draussen gestanden hatte.

In Lettland bog ich bei der Weiterfahrt nach langer Kiefernwaldstrecke an der Ostküste von der

Eurovelo 10 ins Inland ab, um eine andere Landschaft zu sehen und radelte an diesem Tag bis Sabile. Dort wies ein Schild auf einen botanischen Wanderweg und eine Übernachtungsstelle, so dass ich spontan Halt machte. Ein richtiger Glücksfall, ein Landwirt, der jetzt auf Weinanbau umstellte, hatte in Nachfolge für seinen Vater eine botanisch äußerst wertvolle Kalkquelle seit langer Zeit selbständig gepflegt, unter anderem dafür per Handmahd die Vegetation am

Kalkquellhang jährlich gemäht. Das hatte eine äußerst reichhaltige spezialisierte Flora zur Folge mit größeren Orchideenbeständen, Wacholderheiden, Kalkmoosen und Fettkraut sowie vielem anderen. Die Landschaftspflegezuwendungen aus öffentlichen Geldern waren hierfür kaum ausreichend. Er nahm sich lange Zeit für ein Gespräch und der botanische Rundgang war erstaunlich. Für die Übernachtung auf seinem freigemähten Platz mit Hütte, Trockentoilette und Feuerstelle nahm er 5 Euro. Mit einigen deutschen Radlern klang der Tag bei einem Glas Wein gemütlich aus. Am

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nächsten Tag fuhr ich zur Westküste weiter und südlich nach Liepaja kurz vor der litauischen Grenze. Dort traf ich einen Schweden aus Stockholm wieder, den ich schon in Estland kurz bei einer Rast gesprochen hatte. Er war weiter südlich geradeaus von Riga durchgefahren.

Litauen, Kurische Nehrung und zweite Einreise nach Russland

Wir fuhren am 28.7 zusammen über die litauische Grenze weiter nach Klaipeda, nachdem es abends mit einigen Litauern noch Schaschlikspieße und Vodka gegeben hatte. Der Tag wurde immer heisser, über 32 Grad. Der EV10 Radweg führte hier unerwartet durch puren Sand, wir frästen uns fest und suchten eine Nebenstrecke. In Klaipeda war eine Festveranstaltung und wir fuhren direkt hindurch und mit der kleinen Fähre hinüber auf die Kurische Nehrung.

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Ein langgehegter Traum, ich wollte hier immer schon mal Fahrradfahren und unter den Kiefern übernachten! You are the expert, hiess es dann und ich suchte unseren wilden Übernachtungsplatz im Wald, ein wenig sichtgeschützt vom Weg ab. Hufabdrücke auf einem Reitweg und Spuren von Rehen, harmlos. Dann sofort los an den Strand, schwimmen, ein tiefroter Sonnenuntergang, Abendessen, die Stimmung auf der Kurischen Nehrung hinter den riesigen Dünen. Ein Tag, der ein ganzes Leben lang in Erinnerung bleibt! Am nächsten Tag ging es weiter, die Fahrt auf der Kurischen Nehrung war unvorstellbar schön! Die langgestreckten Strände, Kiefernwälder, Birkenwälder, offene Heide- und Flechtenvegetation, und immer wieder die Ostsee.

In Nida suchten wir uns zum Mittagessen ein Restaurant und dann hieß es wieder: Einreise nach Russland! Zum zweitenmal für mich. Die Grenzbeamten sahen meine Stempel für den ersten Teil von Russland und zum allererstenmal sah ich einen Anflug von Belustigung in den Gesichtern. Der verflog aber schnell wieder, man durfte sich ja nichts anmerken lassen. Drei Grenzkontrollen wie gehabt, dreimal Passport vorzeigen. Dann hiess es plötzlich: hier müssten wir auch noch hin und etwas bezahlen. Ein kleines Kastengebäude, 150 Rubel und zwar   PRO FAHRRAD ! Auf meine Frage, wofür das denn wäre, wurde mir von der Russin geantwortet: Bike.....Visit.....Russia! Ich schaffte es noch zur Straße, bevor ich wieder mal laut lachen musste. Na dann Fahrrad, viel Spaß beim Besuch.

Und auf russischer Seite jede Menge Sehenswürdigkeiten, die ausgedehnte Wanderdüne, der tanzende Wald aus verdrehten Kiefern, ein

Wald mit sehr alten Erlen, Vogelschutzflächen u.v. a. Es waren sehr viele Russen unterwegs, um sich ihre Nehrung anzuschauen, sowie einige wenige Ausländer. An den Besichtigungsstellen war auf jeden Fall der Schusswaffengebrauch per Schild verboten, sehr beruhigend. Allerdings stellte ich ungläubig fest, dass ich ab der russischen Grenze jetzt als letzte Navi-Information auch noch den Verlauf der Eurovelo-Route verloren

hatte, neben der ausgefallenen Kartengrundlage. Ich starrte auf meine nun komplett weisse Anzeige und sagte zu Martin: Sorry, but I need some minutes to cope with this. Danach konnte ich mir regelmäßig anhören: Flying blind? Yes, flying blind, wenn ich wiedermal nach grober Himmelsrichtung navigierte.

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Abends waren wir auf einem Campingplatz mit Gemeinschaftsküche und eine Russin versorgte uns mit einem Teller gerade frisch gebratener Blinis, sehr lecker. Wir sahen wohl abgekämpft aus. Von den reichlich aufgeschichteten Gartengemüsen durften wir uns ebenfalls nehmen und die selbstgezogenen Gurken und Tomaten waren wirklich sehr schmackhaft. Bei den Russen floss dann ordentlich Vodka, aber wie in Finnland sah man das auch hier niemandem an.   Über Selenogorsk fuhren wir auf einer Nebenstrecke nach Kaliningrad weiter, und eine mehrstündige Stadtrundtour zu Fuss (auf die Idee wäre ich alleine gar nicht gekommen) schloss sich an. Kaliningrad erstickte allerdings im Straßenverkehr. Im Zentrum fünfspurig! Ein Nachtrundgang lohnte sich dann aber sehr, die Kirchen beleuchtet und der Verkehr sowie der Lärm etwas reduziert.

Durch Polen

Am 31.7. führte die Route schon wieder über die Grenze raus, ich hatte gemischte Gefühle und würde ganz sicher die kyrillischen Schriftzeichen überall richtig vermissen. Auf der Fahrt zur Grenze warteten am Straßenrand zwei verwilderte Hunde und ich war gleich alarmiert. Als wir uns näherten, gingen beim vorderen schon langsam wütend die Ohren nach unten. Ich radelte hinten, hatte also das Hauptproblem. Als ich vorbeifuhr, rannten beide los, der Vordere war nah dran. Ich schrie dreimal laut ein wütendes Stopp!, dann liessen sie ab. Immer wieder war der Vordere durchgestartet, die Ohren sauer nach unten geklappt.  

An der Grenze zu Polen wunderten wir uns, dass man hier einen Atemtest abgeben sollte, zum ersten Mal auf der ganzen Tour. Küstennah radelten wir bis Elblag, die Straßen waren zum Teil sehr schlecht und holperig sowie eng. In Elblag liessen wir Russland mit polnischem Bier ausklingen.

Am ersten August kamen wir in Danzig an, Martin sollte hier am Nachmittag auf seine Rückfähre nach Stockholm und ich hatte ein Zimmer für die Nacht und erlebte die Stadtbesichtigung in den Abendstunden. Die durchweg restaurierte Innenstadt mit den vielen künstlerisch bemalten Handelshäusern war äußerst faszinierend. In der Altstadt waren für das Wochenende Festzelte aufgebaut.

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Auf der Weiterfahrt am nächsten Morgen sah ich den jüngeren Radler wieder, der ab Riga südlich um Kaliningrad gefahren war, weil er kein Visum hatte. Er frühstückte und meinte, dass die aktuelle Hitzewelle doch ganz schön hart wäre. Wir hatten jetzt mehrere Tage mit deutlich über 30 Grad am Nachmittag hinter uns und merkten das. Dann ging es für mich auf die polnischen Radstrecken.

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Immer wieder Plattenwege, Pflasterstrecken, Sand, Schotter, zwischen den meist kaputten Straßenabschnitten. Das Fahren wurde anstrengend und man musste sehr konzentriert auf den Untergrund sein, um nicht in ein größeres Schlagloch zu fahren. Immer wieder längere Strecken im Stehen, setzte man sich auf den Sattel, mussten die Schläge der versetzten Platten abgefangen werden. Ich schaute kaum noch in die Landschaft. Als ich am zweiten Tag auf eine Straßenstrecke auswich, eine enge Allee, und mich schon über die riskante Fahrweise der Autofahrer gewundert hatte, machten hinter mir zwei Autos einen Zusammenstoß. Ich ging zurück, um nachzuschauen, ob alles o.k. wäre, und es stellte sich heraus, dass beide gleichzeitig zum überholen angesetzt hatten, obwohl zwei Autos im Gegenverkehr gefahren kamen!

Wladislawowo, Ustka, Niechorze, die Seebäder jetzt in der Hauptsaison sehr überlaufen. Teilweise waren die Straßenverhältnisse etwas besser, dann wieder der alte Grenzplattenweg. Aber der Tourismus soll doch zunehmend gefördert werden….

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Im Wald bei Niechorze hatte ich gerade noch Aufnahmen vom Kopfsteinpflaster gemacht, als in einem wenige Minuten unbewachten Moment die kleine Kamera verschwand. Leider fuhren Radlergruppen in beide Richtungen und ich folgte noch einigen, um sie zu fragen, aber es war vergeblich. Nur polnische Antworten. Auch in der anderen Richtung wurde ich nicht mehr fündig, obwohl ich mehrere Menschen ansprach und die Reaktion beobachtete. Der Schreck sass tief und ich suchte auch danach noch mehrere Kilometer in beide Richtungen ab, ob sie vielleicht doch noch ins Gebüsch geschmissen wurde. In Niechorze hinterliess ich meine Adresse, aber die Angestellten in der Touristeninformation schauten mich bereits bestimmt an: Sowas kriegt man hier nicht wieder, gar nicht dran zu denken. Polizei gab es nicht. Meine eigene Schuld. Das Fahrrad war gesichert, aber die Kamera hatte ich wohl zwischen einigen Picknicksachen gelassen. Die Verhältnisse waren hier einfach anders und ich hätte die Anzeichen dafür deutlicher lesen müssen. Ein herber Verlust, nichts mehr zu machen.

Um auf andere Gedanken zu kommen, ging ich dann etwas essen und wollte mir im Wald einen ruhigen Zeltplatz suchen. Auch das nicht möglich, zuerst beobachtete ich Schießtraining von mehreren Männern sowie einem etwa 12-jährigen Jungen mit Pistolen, noch nicht mal weit weg vom Radweg! Danach sah ich entfernter Schatten durch die Büsche huschen und mir wurde klar, dass das vermutlich wilde Hunde waren, das Verhalten war auffällig. Das war zu gefährlich. Also zurück zum Ort und in den ersten etwas begrünten Campingplatz, auch hier wieder ausschließlich polnisch gesprochen. Ich baute auf und aß noch etwas, als plötzlich eine junge Frau an mein Zelt kam und mir auf englisch Bescheid gab, dass hier oft Fahrräder geklaut würden und ich sollte meines lieber bewachen und anschließen. Ich bedankte mich, und fand es sehr nett, dass sich die Campergemeinschaft bemüht hatte, mich zu informieren, aber so langsam konnte ich kaum noch glauben, wie dieser Tag verlief. Naja, ich schloss mein Rad abseits von der Platzdurchfahrt gut gesichert und etwas versteckt an und hatte es auch nachts im Blick. Gegen drei Uhr wachte ich von klirrenden Geräuschen auf und jemand testete tatsächlich an den Rädern der Hauptdurchfahrt, ob sie angeschlossen waren. Nicht zu fassen! Er wurde nicht fündig, meins sah er nicht. Ich wachte danach automatisch stündlich auf und warf einen Kontrollblick, aber jetzt war Ruhe.

Der letzte Grenzübergang: zurück in Deutschland!

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Am nächsten Morgen startete ich in meinen letzten Tag offroad-Training in Polen und das gab nochmal alles her, was möglich ist, in Richtung deutsche Grenze. Dann endlich Swinemünde! Die Fähre, und auf der anderen Seite die Anfahrt nach Usedom. Grenze!!!!!!Deutschland!! Und endlich vertrautes Terrain, ich genoss die Fahrt durch die bekannten Badeorte und nahm mir heute ein Hotelzimmer mit Saunabereich. Das musste jetzt sein! Und nicht zu glauben, mit dem Grenzübertritt war meine NAVI-Kartengrundlage wieder aufgetaucht! Alle Informationen wieder da.

Danach fuhr ich quer durch Mecklenburg-Vorpommern erst über die Peenebrücke und dann direkt nach Parchim weiter, wo mein Mann und mein Sohn an unserem vermieteten Mehrfamilienhaus mit Erdarbeiten für eine Schilfkläranlage beschäftigt waren. Dort fiel ich für fast 16 h in tiefen Schlaf. Ich wachte nur zum essen und trinken kurz auf und fühlte mich am ganzen Körper zerschlagen. Das hatte sich vorher überhaupt nicht abgezeichnet, eigentlich war ich ja bis zum Schluß sogar über die polnischen Stolperstrecken konzentriert gefahren?? Also wegen der Kamera?  

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Auf jeden Fall war ich am Tag danach soweit regeneriert, dass ich m eine

Abschlussfahrt machen konnte, von Friedrichsruhe bei Parchim nach Böklund jetzt durchgefahren, die letzten 257,5 km der Ostseetour! Bei überwiegend gutem Wetter über Schwerin, Rehna, Schönberg, Travemünde, Timmendorf, Eutin, Plön, Kiel, dann war es dunkel geworden und es ging über die Fähre Quarnbek über den Nord-OstseeKanal nach Eckernförde, Schleswig und Böklund zurück!

Finished 10.8.2019 !

Die Abschlussfahrt hätte nicht schöner sein können, mein Rad und ich alleine in der nächtlichen

Stille..... !!

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Ferry over the Kiel canal                                                      What I look at…..

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Kiel canal                                                                           Eckernförde

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Coming into Schleswig                                                         Almost there

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                   That’s it 2019.

Ich habe es unendlich genossen. Vielen Dank an mein Rad, die     Familie und meinen Englischclub für einen wunderbaren       Sommer 2019!

Einige Kurzangaben:

-Gesamtstrecke ca. 7200 km, ab Göteborg bis zurück Böklund, darin enthalten einige Tage

Karelienrundfahrt

-einmal Kette gewechselt Turku, Bremsen nachgezogen Estland, alle 1000 km Kette gereinigt und geölt sowie mehrfach direkt nach Unwettern, wenn Dreck hochgespritzt war.

-ein Lenkerstopfen verloren in Danzig, bei Regenwetter einmal an einer rutschigen Kante gestürzt

-keine weiteren Probleme mit dem Rad, kein einziger Platten, ist das zu glauben?

-nach der Tour allerdings sofort neue Mäntel aufgesetzt, waren dann völlig runtergefahren, Kette,

Ritzel, Kettenblätter kurz danach

Tageskilometer in Schweden meist zwischen 120 und 155 km, einmal 57, einmal 165. Danach

Finnland, 110 bis 145 km. In Karelien und Russland um die 100 km pro Tag, unverzichtbare Saunazeiten und Besichtigungen dabei. Spanne insgesamt zwischen 57 km vor Sundsvall mit Kulturprogramm bis 257,5 km für die Abschlussfahrt am letzten Tag.

In größeren Städten und in Estland jeweils einen Tag extra eingelegt für Besichtigungen, St.Petersburg 2,5 Tage (da muss ich wohl nochmal hin!), sowie einen Tag ausschlafen in Mecklenburg.

Übernachtung ca. 75 % wild, ging fast überall problemlos, in Finnland wurde ich zusätzlich aufgeklärt: Do you know your rights? Daneben zelten auf Campingplätzen, einige Male Hotels, Ferienwohnung/Zimmer oder Hütten auf Campingplätzen.

Verletzungen/körperliche Beeinträchtigungen:

kaum, in Polen einmal durch langes Plattenwegefahren linkes Knie verrutscht, wieder eingerenkt. Durch den langen Druck auf die Finger an beiden Händen leicht taube Fingerspitzen bzw. die beiden obersten Fingerglieder. Rechte Hand stärker betroffen als linke. Leicht prickelndes Gefühl, Feinmotorik und Kraft schwach gestört, kommt hoffentlich alles wieder. Unfälle keine.

Nervige Tiere:

Stechmücken, Bremsen, Pferdebremsen, Kriebelmücken, Zecken (zweimal), Hornissen, Ameisen,

Blutegel, wilde Hunde, von Bären einmal ein Abdruck in Russland, ein Elch mitten in der Nacht am Zelt, kämpfende Auerhähne am Balzplatz, viel zu viel Vogelgesang jede Nacht im Juni (was ich ansonsten aber toll finde!).

Sonstige Erschwernisse:

Kälteeinbruch, Hitzewelle, Hagel, Sturm, Sturzregen, nasses Zelt, widrige Radstrecken, ausgefallene Navigation und Kommunikation, Wilderer, Diebstahl, verschimmelte Butter, Algen im Trinkwasser und schwer zu reinigende Flaschen, zu viel Vodka ablehnen (nicht einfach!).

Und die tollen Seiten der Radtour:

Das riesengrosse Gefühl von Freiheit, Glück und intensivem Erleben: Radfahren. Mit dem Rad durch die Landschaft zu fliegen, schnelle Abfahrten, Rückenwind, unvergleichliche Landschaften, die Tier- und Pflanzenwelt, Kultur, die vielen Kontakte zu Menschen: Einheimische, Urlauber, Radler. Die Gastfreundschaft: Einladungen zu Kaffee und Kuchen oder zum Essen, zu russischen Blinis, Vodka, Kaffee aus dem Wohnmobil gereicht zu bekommen, abendliches Zusammensitzen am Feuer. Zeitweise zusammen zu fahren, bis hin zu mehreren Tagen am Stück. Freundschaften zu entwickeln, sich mit interessanten Menschen zu unterhalten, viel zu lachen. Nicht zuletzt: Sich selbst sehr gut kennenzulernen. Und für all das braucht man nur sehr wenig!

Die Spruchklassiker dieser Reise:

Do you know your rights?

Yes, I know my rights! (Finnland, wild übernachten)

We have here only people on foot. (Hotel St. Petersburg)

Can you go on foot for a short time?(Hotel) Yes, I can go on foot for a short time!

You don´t need a map of the metro?(Hotel) No, I don´t need am map of the metro.

You go to St.Petersburg by bike?

Yes, I go to St.Petersburg by bike.

Then you don´t need this.

No.

Und 150 Rubel zu entrichten für:

Bike......Visit........Russia!

(Grenzübergang Kaliningrad)

Flying blind?(Martin, Kurische Nehrung) Yes, flying blind.

Sowie ein denkwürdiges Gespräch in Finnland vor einem Supermarkt. Ich saß auf der Bank draussen beim Mittagessen. Ein Finne fragte, was ich mache.

I´m cycling around the Baltic Sea.

What?

Yes, I started in Göteborg, went north through Sweden, back south along the coast in Finland and now it´s to Russia and back through the baltic states and Poland to Germany.

How many kilometers are that?

Seven- to eightthousand.

An diesem Punkt brach er in schallendes Gelächter aus und konnte sich nicht mehr halten. Seine Frau kam ebenfalls, er gab die Geschichte weiter und dann krümmten sich beide vor Lachen. Ein weiteres Gespräch war nicht mehr möglich. Beide setzten sich lauthals lachend in ihr Auto.

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